"Das Wasser ist ein freundliches Element für den,
 der damit bekannt ist und es zu behandeln weiß." 
(Johann Wolfgang von Goethe, 1749 - 1832)

Das Wasser ist ein faszinierendes Element. Es umgibt und durchdringt uns, und ist, da wo Leben ist, allgegenwärtig. In seiner flüssigen Form lässt es sich nicht zusammenpressen, sondern nur beiseiteschieben. Seine höchste Dichte hat es bereits oberhalb des Gefrierpunktes bei 4°C, was unter Chemikern als Dichteanomalie des Wassers bekannt ist. Genaugenommen ist es auch kein Element, sondern eine Verbindung aus zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom.


Die Eigenschaften des Wassers bräuchten uns nicht weiter zu interessieren, wenn sie nicht für das Bewegen von Booten aller Art, und von Paddelbooten im Besonderen, Konsequenzen hätten. Wer das Wasser versteht, weiß wie es behandelt werden mag, der kann mit ihm paddeln, statt gegen es. Er kann seine Kräfte effizient einsetzen und hat besonders auf stehenden Gewässern klare Vorteile.


Als Paddler haben wir über das Paddel eine direkte Verbindung zum Wasser, über die wir auf jede Bewegung eine Antwort bekommen. Aus diesen Antworten können wir lernen, das Wasser besser zu verstehen und seine Eigenschaften zu unserem Vorteil nutzen.


Canadier gehören zur Bootsgattung der Verdränger. Das bedeutet, dass das Wasser vom Bug beginnend zur Seite geschoben wird, und hinter der Mitte des Canadiers wieder zusammengeführt wird. Wie alles was eine Masse hat, möchte Wasser am liebsten in Ruhe gelassen werden, und wenn es schon bewegt wird, dann soll dies bitteschön möglichst langsam geschehen. Vergleichbar ist das mit dem Gang durch eine große Menschenmenge. Die einzelnen Menschen sind dabei die Wassermoleküle. An einen Spurt durch den Pulk ist kaum zu denken. Zumindest bräuchte man sehr viel Kraft um die anderen Menschen, und deren Nachbarn beiseite zu schieben. Geht man jedoch langsam hindurch, so hat jeder genügend Zeit auszuweichen. Man kommt zwar langsam voran, braucht jedoch kaum Kraft dafür. Doch zurück zu unserem Boot. Der vordere Bereich schiebt sich also wie ein Keil durch das Wasser. Je länger das Boot im Verhältnis zu seiner Verdrängung ist, desto spitzer ist der Winkel unseres Keils. Je Spitzer der Keil, desto mehr Zeit hat das Wasser bis es an der breitesten Stelle unseres Bootes angekommen ist, das heißt desto langsamer wird es verdrängt. Durch die besondere Form der Kanus (hinten spitz auslaufend) wird das Wasser, nach der breitesten Stelle, wieder schonend zusammengeführt. Das verhindert Verwirbelungen, die durch erhöhte Reibung das Boot bremsen würden. Ein Kanu ist also ein sehr effizientes Gefährt, obwohl es ein Verdränger ist. Gelegentlich hört man im Zusammenhang mit Kanus das Wort „Gleiten“. Das ist jedoch falsch. Die Form des Kanus begünstigt das Gleiten auf der Wasseroberfläche nicht gerade. Somit ist es mit Menschenkraft nicht möglich einen Canadier, oder ein Kajak in echtes Gleiten zu bringen.


Diese Sachverhalte wirken sich natürlich auch auf die Handhabung des Paddels aus. Hier ist unser Ziel nicht das Wasser zu bewegen, sondern das Boot. Dazu brauchen wir irgendwo einen festen Ankerpunkt, an dem wir uns heranziehen, oder wegdrücken können. Mitten auf einem See sind solche Punkte rar, und so schaffen wir uns für den Bruchteil einer Sekunde Ankerpunkte im Wasser, indem wir die Tatsache nutzen, dass ein schneller Impuls mit dem Paddel, das Wasser dazu bringt dem Paddelblatt einen harten Widerstand entgegenzusetzen. Die Moleküle und ihre Nachbarn können so schnell nicht ausweichen und bieten unserem Paddel einen festen Halt. Natürlich könnte man diesen Widerstand mit genug Kraft brechen. Das erkennt man daran, dass das Wasser hörbar in Wirbeln um das Paddel zusammen läuft. Der Widerstand, und damit der Halt, den das Wasser dem Paddel gibt ist jedoch der selbe. Die eingesetzte Kraft kann also nicht genutzt werden um das Boot zu bewegen und ist verloren. Will man schneller paddeln, dann sollte man auch genau das tun - schneller paddeln! Und nicht mehr Kraft einsetzten, was gerade dazu führt, dass unser „Haken im Wasser“ mitgerissen wird, uns keinen guten Halt mehr bietet und den effektiven Arbeitsweg des Paddels verkürzt. Wichtig ist natürlich auch die Paddelstellung. Sie bestimmt was das Wasser von unserem Paddel „sieht“ und „erwartet“. Entsprechend wird es reagieren, und uns erlauben unsere Kräfte in die eine, oder andere Richtung zu lenken. Eine saubere Technik sorgt dafür, dass es die Richtung ist, in die wir unser Boot bewegen wollen.


Effizient paddeln ist also eine Frage der richtigen Dosierung, Frequenz und sauberen Paddelführung, was den meisten Menschen sehr entgegen kommt. Das klingt alles sehr kompliziert und theoretisch? Das große Glück ist aber, dass wir es als Paddler leicht haben, uns diese Gesetzmäßigkeiten über das Gefühl zu erschließen. Durch die Antworten des Wassers, die über das Paddel auf unseren Körper übertragen werden, können wir spüren was effizient ist, und was nicht.  Will die harmonische Einheit mit dem Wasser mal nicht so recht gelingen, hilft es oft sich zu fragen, was das Wasser gerade von uns „sieht“ und wie es behandelt werden will.

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